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Ein kollektiver politischer Raum ohne kollektive Identität, dafür mit kollektiven Widersprüchen und Widersprechen im Kollektiv

Komisch, etwas wie ein „Selbstverständnis des Frauencafés“ darzulegen, gespickt mit deklarierten Einladungspolitiken, etwas wie die „Identität“ eines Raumes zu diskutieren, öffentlich zu machen und damit irgendwie festzuschreiben, wo „wir“ doch alle dagegen sind – ...

... gegen Festschreibungen, die „Selbst“bestimmung verunmöglichen, gegen Kategorien, die Ausschlüsse manifestieren, gegen Dichotomien, die schmerzende Grundlage kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse sind und diese tagtäglich reproduzieren, gegen Herrschaft und Ausbeutung, die sich gleichgeschaltet in einer Systematik der Zweigeschlechtlichkeit und Zwangsheterosexualität wie in der strukturellen Marginalisierung und Diskriminierung von Frauen, Lesben, Transgenders, Intersex und all jenen, die in vielfältiger Weise und mit unterschiedlichen Konsequenzen der männlich-bürgerlich-weiß-heterosexuellen Norm nicht entsprechen (können/wollen) äußern.

Eine (un)mögliche politische Verortung, weder homogen noch different

Also nennen wir es nicht Selbstverständnis, und schon gar nicht Identität, was hier beschrieben werden soll, stattdessen sollen Ausschnitte einer unter den aktuellen Aktivist_innen des Frauencafés geführten politischen Debatte nachgezeichnet werden. Die Diskussion ist weder abgeschlossen noch ohne Auslassungen und Widersprüche – wie könnte sie dies auch sein, in einer Gesellschaft, die ständig Widersprüche, denen es oftmals zu widersprechen gilt, produziert. Politisch Position bezogen werden soll, will und muss gerade deshalb. Als diskutier- und erweiterbare Momentaufnahme einer versuchten politischen Standortbestimmung ist dieser Text zu lesen.

Aufbauend auf diversen, sich teils ergänzenden wie auch konträr zueinander verlaufenden, feministischen Zugängen, die sich aus wissenschaftlicher Theorie und Praxis ebenso speisen wie sie genährt werden durch das Alltägliche in einer Gesellschaft, die Hierarchien und Diskriminierungen als Motor ihrer (Re/)Produktion verwendet, haben wir uns auf einen – niemals endgültig abzuschließenden – Prozess eingelassen, um zu definieren, was der Raum Frauencafé beinhalten soll und kann, wofür der Raum Frauencafé steht und was seine Politiken sein können, welche Politiken wir unterstützen und welche wir problematisieren bzw. ablehnen, wofür der Raum offen sein soll und zugleich, welchen Raum das Frauencafé in feministischen und/oder frauenbewegten Auseinandersetzungen (nicht) einnehmen kann/will, und dass zwischen einem „Ja“ und einem „Nein“ hinsichtlich eines einfachen, unkommentierten Zu- oder Abspruchs zu oder gegen Politiken Ozeane schwimmen, diese aber alles andere als beliebig sind.

Politisch-inhaltliche Grundrisse: Ein permanent kritisches Verhältnis

Der Raum Frauencafé deklariert sich theoretisch wie praktisch als feministisch, lesbisch-feministisch, antitransphob, intersexfriendly, antisexistisch/antipatriarchal, antiheteronorm/queer/lesbisch-queer, antirassistisch/postkolonial, antifaschistisch/ anti-antisemitisch, antikapitalistisch/antineoliberal, wider ausbeutbare Erwerbsarbeiten und (prekarisierenden) Arbeitszwang und pro solidarische Ökonomien. In Summe bedeutet dies eine politisch eindeutige Stellungnahme gegen asymmetrische Machtverhältnisse, Hierarchisierungen jeglicher Art, Diskriminierungen und Entwertungslogiken, kollektives wie individuelles respektloses Verhalten und ähnliches. Im Frauencafé soll ein Denken und Handeln, das herrschende Normen nicht hinterfragt sowie Hierarchien und Unterordnungen im Sinne eines Privilegienerhalts produziert und reproduziert, keinen Platz haben. Das impliziert eine ständige Auseinandersetzung mit (formellen wie informellen) Machtverhältnissen und auch dem eigenen Agieren und den eigenen Positionen, da auch wir nicht außerhalb hegemonialer Verhältnisse stehen und strukturell ebenso unsere Beiträge leisten, Ungleichheiten aufrecht zu erhalten, zu bedienen.

Diesen Diskussionsraum zu schaffen, in dem nicht alle einer Meinung sein müssen, ja gar nicht sollen, Widerspruch und Streit zulässig sind, weil notwendig und Voraussetzung für nicht ständiges Sich-Ein- und -Anpassen, der aber sehr wohl politische Grenzen anerkennt, die da beginnen, wo Menschen – oftmals im Namen der Normalität, im Sinne einer Normalisierung, zu Diensten einer Normativität – diskriminiert und respektlos behandelt werden, wo Machtverhältnisse nicht in Frage gestellt, wo Kritik am Bestehenden und die Suche nach strukturellen Veränderungen nicht von Interesse sind. Ein Raum, der sich als feministisch (was auch immer je eine_r genau damit meint), versteht, kann kein offener Raum sein. Nicht offen für Alle und Alles will das Frauencafé sein, ganz im Gegenteil, sollen all jene und jenes ausgeladen sein, die das Interesse an einem gleichberechtigten, feministischen Raum nicht teilen (wollen/können).

Wir sind darum bemüht, mittels basisdemokratischer Entscheidungsfindungen einen Raum zu definieren und zu schaffen, der Gewalt, sei es physische, psychische, symbolische oder strukturelle, minimiert bis ausschließt. Auch wenn uns bewusst ist, dass wir uns unserer Sozialisation und eigenen gesellschaftlichen Situiertheit nicht gänzlich entziehen können, wir uns in einem Rahmen, der mit gesellschaftlichen Normen und Werten verknüpft ist, bewegen müssen und damit stets selbst Gefahr laufen, Hierarchien jeglicher Art – oft zu bewussten wie unbewussten Zwecken des Schaffens und Erhalts von eigenen (obgleich auch immer illusorischen) Privilegien – zu bedienen. Dennoch ist es unser Anliegen, diese gesellschaftliche Konstruktion basierend auf asymmetrischen Machtverhältnissen weiter und in höherem Ausmaß zu hinterfragen, sie zu behandeln, um uns – und damit auch die Verhältnisse – zu verändern.

Geschützte Räume für gesellschaftlich benachteiligte Personen und Gruppen zu bauen, ist Anliegen unseres Tuns, das ebenso die inhaltliche Gestaltung und politische Definition des Raumes Frauencafé umfasst, da dies Voraussetzung für politisch-kritisches Denken und Handeln ist. „Ein Zimmer für sich allein“ ist nicht nur dann von Nöten, wenn Marginalisierte und damit in struktureller Abhängigkeit von anderen lebende Personen, Literatur produzieren wollen. Wir sind uns dessen bewusst, dass Bezeichnungen, Definitionen und Kategorienbildungen, die zwangsläufig „unserer“ Gesellschaftsordnung entspringen, gesellschaftliche „Ausschlüsse“ (re/)produzieren. Vielen, für einen Mainstream „normalen“ „Ausschlüssen“ versuchen wir entgegenzuwirken, manch andere setzen wir bewusst selbst ein, um eben jener Gesellschaftsordnung entgegenzuwirken, Ungleichheit sichtbar zu machen, und einen Raum zu schaffen, indem anderes Denken wie Handeln abseits dominanter Normen und Bewertungen möglich, umsetzbar und erspielbar, erlernbar ist.

Das is eigentlich n Exkurs:

Von angeblichen Natürlichkeiten… …und tatsächlich wirkenden Gewaltverhältnissen

 Als Teil einer Kritik an herrschenden Normen verstehen wir auch ein in Frage stellen der binären patriarchalen Geschlechterordnung – „Mann“ und „Frau“ sind hierarchisierte und hierarchisierende Konstrukte, entlang derer sich unsere beschissene Gesellschaft strukturiert und die neben anderen Achsen Unterdrückung betreiben und Privilegien absichern. Was, wer wann, in welchem Ausmaß und mit welcher Begründung als benachteiligt gilt, wie bestimmte Machtverhältnisse Menschen an diverse, vielfältig gestrickte gesellschaftliche Positionen verweisen, ist ebenso berechtigte Streitfrage, wie es weiter zu hinterfragen gilt, auf welche Weise ein vehementes Pochen auf gesellschaftlich geschaffenen, analytisch hergeleiteten und aus politischen Praxen des Einspruchs begründbaren Kategorien, diese ebenso bestätigt/verfestigt, auch wenn es der Benennung von Asymmetrien dient. Marginalisierung, Ausbeutung, Hierarchien und weiße, westliche, männliche Herrschaft sind die ideologischen Grundlagen demokratisch-kapitalistischer/-neoliberaler Analytiken, die ihre Legitimierung nicht zuletzt aus evolutionstheoretischen Ideenlogiken inklusive ihrer Rhetoriken vom Natürlichen speisen und gleichzeitig ausblenden, dass diese dem Privilegienerhalt dienen. Wider Naturalismen und Biologismen ist somit festzuhalten: There is no such thing like biology, except its constructing power.

Die Ungleichheit entlang der Dichotomie Mann-Frau ist leider tagtäglich erlebbar. Physische, psychische, symbolische und strukturelle Gewalt gegen Frauen, Lesben, Mädchen, Transgender- und Intersexpersonen äußert sich in verschiedensten Weisen – das Patriarchat hat seine eigenen Wahrheiten geschaffen: Durch ihre Marginalisierung und Ungleichbehandlung wurde das Konstrukt Frau zur Gewalt produzierenden und legitimierenden Tatsache. Diese strukturelle Ungleichheit wie Ungerechtigkeit (ohne Festlegung, welche schrägen Konstrukte hier wieder bedient werden) zu thematisieren und ihr vehement entgegenzukämpfen, was in letzter Konsequenz nur durch eine utopische Umwälzung im Rahmen einer feministischen Weltrevolution zu erreichen wäre, ist notwendig wie eh und je, heißt aber nicht, sich mit solch patriarchal fundierten Konstruktionen wie Frau und Mann inklusive ihrer Funktionen als biologisierte und biologisierbare „Wesen“ zufrieden zu geben. Auch diese Herrschaft schaffenden und legitimierenden dichotomen Konstrukte müssen zerschlagen werden – eine Entweder-oder-Logik, in der wir uns eigentlich nicht einmal das eine oder andre aussuchen können, war schließlich noch nie Ausdruck von größtmöglicher Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung (wir möchten daran erinnern, dass Begrifflichkeiten wie Autonomie und Freiheit etwa, auch wenn wir sie hier zum Einsatz bringen, auf patriarchalen, bürgerlichen Konstruktionen aufbauen, die jedenfalls zu problematisieren sind).

Feministisches Denken und Handeln befindet sich letztlich immer in einem Dilemma: Eine Kritik kommt nicht darum herum, sich immer wieder auf das zu beziehen, was sie kritisiert. Und dennoch müssen wir dies im selben Schritt ständig an uns selbst zu hinterfragen versuchen und an uns und anderen Kritik üben, nicht, weil irgendeine_r irgendetwas besser wüsste oder es ein Patentrezept zu entdecken gäbe, sondern um subversiv zu bleiben und Abschaffenswertes nicht zu affirmieren und damit zu verfestigen.

Explizite Ladungen: Projekte, Veranstaltungen

 Unsere Ausladung bewegt sich dementsprechend entlang der Maxime, einen Raum wider Gewalt und strukturelle Zwänge gestalten zu wollen; explizit bedeutet dies, den Raum Frauencafé für Gewalttätigkeiten jeglicher Zusammensetzungen und verschmolzenen Ideenlogiken nicht zur Verfügung zu stellen, von wem diese auch ausgeführt sein mögen. Diskriminierendes – transphobes, sexistisches, homophobes, rassistisches, antisemitisches, faschistisches, heterosexistisches – Denken und Handeln, darf keinen Raum im Frauencafé haben. Menschen, wie auch feministische Projekte und Veranstaltungen, die sich in diesem politischen Rahmen bewegen, denen Gesellschaftskritik und damit einhergehend das Schaffen von Orten, an denen versucht wird, mögliche Formen von Gewalt, Zwang und Diskriminierung nicht zuzulassen und ihnen politisch entgegen zu arbeiten, sind ins Frauencafé eingeladen.

Ebenso wie wir als Aktivist_innen des Frauencafés verschiedene Positionen vertreten, unsere Meinungen teilweise auseinander gehen, wir manchmal gerne – manchmal auch ungerne – miteinander diskutieren oder auch streiten, verschiedene Theorien und Praxen herangezogen werden, wir diese widersprüchlichen und verschiedenen politischen Standpunkte aber bis zu einem gewissen Grade und innerhalb klar definierter Grenzen (wie bereits erwähnt) nebeneinander stehen lassen bis gemeinsam und gegenseitig mittragen wollen, so soll es auch den im Frauencafé aktiven Projekten und Veranstaltungen obliegen, wen sie zum Beispiel zu ihren Veranstaltungen einladen. Die jeweiligen Politiken der im Frauencafé stattfindenden und angesiedelten Projekte bzw. Veranstaltungen sind auf der FC Homepage bei den jeweiligen Projekten bzw. Veranstaltungen nachzulesen.

Auf den Punkt gebracht, der in den letzten Jahren zu einem zentralen, wenngleich auch nicht zum einzigen, frauenbewegten/feministischen Politikum wurde, nämlich der Frage nach der Einladungspolitik, also wer den Raum betreten darf, sei nur auf folgendes verwiesen: Ob ein/e sich als feministisch verstehende/s Projekt/Veranstaltung Gender Mainstreaming als super leiwand und als Erfüllung frauenpolitischer Gute-Nacht-Träume einschätzt oder dieses neoliberale Unternehmen kritisch in Frage stellt, erscheint oft genug einer politischen Debatte und möglichen Abgrenzungen ebenso, wenn nicht gar mehr, wert, als die Frage, wer wen wie definiert und wer demnach als „Mann“ zu gelten habe und ob diese Person in einen Raum eingeladen ist. Und doch wird ersteres viel zu wenig, zweiteres bis zur Zermürbung und nicht zuletzt oft auf undenkbar verletzende und diskriminierende Weise in feministischen Zusammenhängen diskutiert. Denn wie die Frage nach den Einladungspolitiken auch beantwortet wird, es kommt immer auf die politischen Gründe und Argumentationen für die Entscheidung an; für das eine wie auch das andre (wie auch das dritte und zehnte) gibt es verdammt gute kritische Gründe wie auch ziemlich bescheuerte.

Von Interesse für das Frauencafé ist vielmehr eine politische Debatte als das „Ja, Du darfst“ oder „Nein, darfst nicht“ (im Kontext der Frage des Zutritt-haben-Dürfens), was nicht gleichbedeutend damit ist, dass wir nicht Kriterien ermitteln, die – wie bereits dargelegt – Aus- wie Einschlüsse begründen. Das wesentliche Kriterium bezüglich der Frage, ob das Frauencafé den richtigen Ort für ein Projekt, eine Veranstaltung darstellt, ist, ob es/sie feministisch-kritisch sein will/kann, und nicht ausschließlich, wie sich seine/ihre Einladungspolitik gestaltet.

Wichtig ist uns nichtsdestotrotz, dass diese Diskussionen, die politisch nicht nur wesentlich sondern auch für alle interessant sind, gemeinsam mit allen Spieler_innen des FC Feminista geführt werden, um immer wieder auszuloten und zu re-formulieren, Grenzen abzustecken und in politische Auseinandersetzung miteinander zu treten. Hierfür gibt es als fixes Treffen das allseits beliebte Plenum, das jeden letzten Freitag im Monat um 18:30 im Frauencafé stattfindet. Plenum ahoj!

Wider Norm mit allen Mitteln

Das Frauencafé wendet sich in erster Linie an diejenigen, die in dieser patriarchal-kapitalistisch-heteronormativen Gesellschaft marginalisiert und als „Andere“, jedenfalls nicht der Norm entsprechende, definiert und damit an unterprivilegierte Orte verwiesen werden. Für uns soll es ein Raum sein, um uns zu kollektivieren, zu saufen, (uns) zu organisieren, Demos zu checken, Feste zu feiern, zu essen, Widerstand zu üben, im Internet zu surfen, zu streiten, zu rauchen, zu quatschen, schweigend rum zu sitzen, über die Welt zu sinnieren, hedonistisch zu sein, uns auszutauschen, Drogen zu nehmen, Bomben zu basteln, Spaß zu haben, Projekte zu starten, Ideen zu entwickeln, einfach zum-Kotzen-noch-mal in Ruhe gelassen zu werden und mit feministischen Menschen ein Bier zu trinken, Sachen auszuprobieren, zu lesen, zu spielen, zu denken, aufzustehen, nach Haus zu gehen und wieder zu kommen!

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